Der große Residenz- oder „Khueturm“ (Juli/August 2010, Stadtgeschichten)

Türme haben immer eine besondere Bedeutung, nicht nur für ein einzelnes Gebäude, sondern viel mehr noch für ein Stadtensemble. Eine Stadt mit einer ausgeprägten Turmsilhouette kann durch diese häufig schon aus der Entfernung ihrem Wesen nach bestimmt werden.
Freising wies bis zu den Abbrüchen etlicher Kirchen in den Jahren nach 1802/03 eine äußerst hohe Turmdichte auf. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um Kirchtürme, die als weithin sichtbare Landmarken eindrucksvoll auf die Eigenschaft der Stadt als geistliche Residenzstadt aufmerksam machten. Obwohl ein Blick gerade auf die vielen, heute zerstörten Kirchtürme interessant scheint, soll im folgenden auf einen der wenigen „weltlichen“ Türme, nämlich den großen Turm der fürstbischöflichen Residenz, eingegangen werden. Über diesen Turm, dessen schrittweiser Abbruch bereits vor über 200 Jahren begonnen wurde, weiß man nicht allzu viel; die wenigen bekannten Fakten sollen hier eine grobe Vorstellung vom Aussehen und von der Funktion dieses interessanten Bauwerks geben.



Zur Lage und Baugeschichte



Der große Residenzturm stand an der Nordwestecke der Freisinger Residenz (heute „Kardinal-Döpfner-Haus“). Über den Zeitpunkt seiner Errichtung kann momentan nichts gesagt werden; nimmt man für diesen größten Residenzturm eine ursprüngliche Funktion als Bergfried der mittelalterlichen Bischofsresidenz an, liegt die Vermutung nahe, dass es sich dabei um eine sehr alte Bausubstanz handelte.
Wie die frühneuzeitlichen Stadtansichten Freisings zeigen, war der Turm in mehrere kleine Geschosse unterteilt, dabei jeweils mit nur winzigen Fensteröffnungen versehen. Die Einteilung der Turmgeschosse korrespondierte nicht mit derjenigen der anschließenden dreigeschossigen Residenzflügel. Der Turm präsentierte sich nach innen wie nach außen als eigenständiger Baukörper. Analog zum – bis heute erhaltenen – kleinen Residenzturm an der Nordostecke wurde das ursprüngliche, ziegelgedeckte Zeltdach um 1620 abgebrochen und an dessen Stelle ein oktogonaler (achteckiger) Turmaufbau mit einer Welschen Haube errichtet. Die komfortable Grundfläche des großen Residenzturms nutzte man ferner zur Anlage einer umlaufenden Galerie, die bis zu ihrem Abbruch die höchste Aussichtsplattform Freisings und der Umgebung darstellte.
Im Lauf des 18. Jahrhunderts schien der Turm zunehmend statische Probleme bereitet zu haben. Nach einem Brand 1743 wurde er wieder instandgesetzt, dabei wohl auch die frühbarocke Welsche Haube durch die deutlich höhere Zwiebelhaube ersetzt. 1755 hatte man den bekannten Baumeister Johann Michael Fischer zur Begutachtung der Statik des Turms herangezogen, die von diesem aber nicht als besorgniserregend eingestuft wurde. Fürstbischof Ludwig Joseph von Welden (reg. 1769-1788) ließ die Turmgalerie mit Vasen und Figuren ausschmücken, unter anderem mit einer Figur des hl. Erzengels Michael, was dazu führte, dass das Oktogon zumindest über einige Jahre hinweg die Bezeichnung „Michaelsburg“ trug.
Weldens Nachfolger Max Prokop von Törring (reg. 1788-1789), der sich bei seinem Regierungsantritt einer schier unglaublichen Hochstiftsverschuldung gegenüber sah und versuchte, über vielerlei Maßnahmen eine Entschuldung herbeizuführen, wollte kein Geld mehr für den baufälligen Turm ausgeben. So wurde 1789/90 das frühbarocke Oktogon samt der Galerie kurzerhand abgebrochen und auf den mittelalterlichen Turmstumpf ein Mansarddach aufgesetzt.
Als mehrere Jahre nach Mediatisierung und Säkularisation von 1802/03 im ehem. fürstbischöflichen Residenzschloss das Priesterseminar der neuen Erzdiözese München und Freising eingerichtet wurde, und man dort – wie mehrere Fälle belegen – wenig für die historische Bausubstanz übrig hatte, wurde um 1830 der noch bestehende Turm mit seinem Mansarddach bis zur Traufhöhe des Residenznordflügels abgebrochen. Der überwiegende Teil der historischen Bausubstanz des Turms, der durch Entkernungen zunehmend in das Residenzgebäude integriert wurde, blieb aber bis heute erhalten. Eine Putzkante auf der Nordseite des Residenzgebäudes deutet den Standort des alten Turms für uns heutige Betrachter vage an.


Funktionen des Turms



Im Lauf seiner Geschichte hatte der große Residenzturm mehrere verschiedene Funktionen zu erfüllen.
Die vordergründige Nutzung des Turms dürfte lange Zeit eine militärische gewesen sein; vermutlich war sie auch wesentliches Motiv für dessen Errichtung. Der Turm bildete den nordwestlichsten Punkt der Wehranlagen des Residenzkomplexes, die neben mindestens einem weiteren Turm, dem kleinen Residenzturm, aus Wehrmauern und vor allem aus tiefen, mit Ziegeln ausgemauerten Gräben auf der Ost-, Nord- und Westseite bestanden. Von der Gestalt der mittelalterlichen Wehr-architektur der Residenz können wir uns heute noch anhand einiger, teils halb vermauerter Schießscharten im Inneren des kleinen Residenzturmes ein Bild machen.
Im Lauf der frühen Neuzeit wurde der Wehrcharakter der Residenz schließlich zugunsten städtebaulich-repräsentativer Gesichtspunkte schrittweise aufgegeben. Spätestens mit der Verfüllung der Grabenanlage auf der Nordseite der Residenz im frühen 18. Jahrhundert – dieser Maßnahme ging eine längere Diskussion zwischen Fürstbischof Johann Franz Eckher (reg. 1695/96-1727)und dem Domkapitel voraus – dürfte auch die Wehrfunktion des großen Residenzturmes obsolet geworden sein.
Einen Teil des Turms hatte man ferner als Gefängnis genutzt, allerdings nicht für den allgemeinen Strafvollzug, sondern – zumindest seit spätmittelalterlicher Zeit – ausschließlich für den Arrest von geistlichen Personen. Gründe für eine dortige Festsetzung waren etwa der negative persönliche Lebenswandel verschiedener Geistlicher oder auch konträre Meinungen in Glaubensfragen. Als prominentestes Beispiel darf wohl der bedeutende bayerische Historiker Lorenz (von) Westenrieder gelten. Schenkt man einigen seiner Biographen Glauben, so musste der Geistliche 1775 wegen der Veröffentlichung seiner Denkschrift „Kurzer Innbegriff der christkatholischen Lehre“ (1774) dort einige Tage Arrest über sich ergehen lassen. Das Werk, eigentlich nichts anderes als ein Schulbuch für den Religionsunterricht, hatte bei Fürstbischof Ludwig Joseph von Welden und der Geistlichen Regierung großes Missfallen hervorgerufen, nicht zuletzt deswegen, weil Westenrieder „…meistentheils Protestantische Schriftsteller zum Grunde geleget“ hatte, wie es in einem diesbezüglichen Urteil lautete.
Dieses „Gefängnis für Geistliche“ im großen Residenzturm wurde offensichtlich bis zum Ende der fürstbischöflichen Herrschaft 1802/03 beibehalten, denn noch 1803 ist in einer Baubestandsaufnahme der nun in bayerischen Besitz übergegangenen Gebäude vom „carcer episcopalis“ (bischöfliches Gefängnis) die Rede. Interessanterweise lässt sich über diese Nutzung auch der historische Name des großen Residenzturms erschließen: In den archivalischen Quellen wird er zumeist als „Khueturm“ bezeichnet; mit „khue“ oder „kue“ war laut dem großen bayerischen Sprachforscher Johann Andreas Schmeller nichts anderes gemeint als ein „bischöfliches Gefängniß für delinquierende Geistliche“.
Im Zusammenhang mit der Errichtung eines frühmodernen Wasserversorgungssystems für den fürstbischöflichen Hof kam auf den großen Residenzturm eine weitere Form der Nutzung zu.
Ausgehend vom intensivierten Bergbau im Spätmittelalter gelang es verschiedenen europäischen Ingenieuren – teils nach antiken Vorbildern – ein Pumpsys-tem zu entwickeln, über welches die Grubenwässer abgesogen werden konnte. Dieses System, das durch Wasserkraft angetriebene Druckkolbenpumpwerk, wurde bald auch für die Wasserversorgung von Städten übernommen. Hierbei sogen die Druckkolbenpumpen, die mittels eines Wasserrads in Gang gesetzt wurden, das Wasser aus der Tiefe an und pumpten es über Rohrleitungen auf Wassertürme.
Im Fall der frühmodernen Wasserversorgung des Freisinger Hofes, die wohl im späten 16. Jahrhundert eingerichtet worden war, lag das Zentrum des Systems, also das Kolbenpumpwerk, im Hofbrunn-haus (an der heutigen Brunnhausgasse). Über einen von der rund 100 m westlich gelegenen Wörthmoosach abgezweigten Kanal konnte innerhalb des Hofbrunnhauses ein Wasserrad angetrieben werden, an dessen nach einer Seite hin verlängerten Achse, dem sog. Wellbaum, mehrere Pumpen angebracht waren. Diese pumpten aus einem darunter gelegenen Tiefbrunnen Wasser in bleierne Leitungen, die über den Südhang des Dombergs und unter dem Residenzhof hindurch bis in eines der oberen Geschosse des großen Residenzturmes, in dem sich ein großer Kupferbehälter befand, geführt wurden. Durch das Gefälle des Turms konnte ein ausreichender Druck erzeugt werden, um ein weitverzweigtes Leitungsnetz mit Wasser zu speisen. Die Funktion, die der Turm innerhalb dieses Systems zu erfüllen hatte, war also diejenige eines Wasserturms, weshalb er in den archivalischen Quellen neben der – älteren – Bezeichnung „Khueturm“ oft auch nur die „Wasser Reserv“ genannt wurde.
Schließlich sei noch die Funktion des Turms als Uhrturm erwähnt: Innerhalb des frühbarocken Oktogons, das um 1620 auf den mittelalterlichen Stumpf des großen Residenzturms aufgesetzt wurde, war im 17. und 18. Jahrhundert ein Uhrwerk aufgestellt. Dazu gehörten die vier Ziffernblätter an den Außenseiten des Oktogons sowie zwei kleine Schellen für den Viertelstunden- bzw. den Stundenschlag. Möglicherweise erfüllte dieses Werk die Funktion einer Residenzuhr, die den Tages-ablauf bei Hof regelte.
Teile dieses schönen Uhrwerks haben sich erhalten und sind momentan auf dem Dachboden des Residenzgebäudes untergebracht; in nächster Zeit steht eine aufwändige Instandsetzung an. Neben seinem kulturhistorischen Wert kann gerade dieses Uhrenfragment auch eine Erinnerung an den einstigen großen Residenzturm sein.

(von Florian Notter)

Votes

Du musst angemeldet sein, um Votes sehen und selbst abgeben zu können. Jetzt registrieren!

Kommentare

Du musst angemeldet sein, um Kommentare lesen zu können. Log dich hier ein!

Optionen

Für mehr Optionen musst du den Rang eines SuperUsers oder höher haben. Jetzt registrieren!

Statistik (all time)

  • 2 Klicks
  • 0 Votes
  • 0 Kommentare

Favourite von

-