| Manche mögen´s heiß! Eine Reise ins Reich der Feuerberge (Juni 2010, Unterwegs)Wie die Welt "Eyjafjallajökull" ausgesprochen hat, war für die Isländer schon spektakulär: Einen "Eyjafjalla-Joghurt" nannten ihn Briten, die Brasilianer sprachen vom "Ayatollah-Jockel", bis amerikanische Nachrichtensprecher - maulfaul und pragmatisch - die Buchstaben zählten und den Vulkan als "E-15" bezeichneten. Dreihunderttausend Wikinger saßen vor dem Fernseher und bogen sich vor Lachen.

Grundsätzlich sind die Einwohner des Inselstaates immer stolz, wenn sie es in die Weltnachrichten schaffen. Das war 1980 der Fall, als die Isländerin Vigdís Finnbogadóttir als erste Frau der Welt zum Staatsoberhaupt gewählt wurde. Oder 1986, beim ersten Abrüstungsgespräch von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow in Reykjavik. Mit Ausnahme des Beinahe-Staatsbankrotts im Jahr 2008 ging es im Nordatlantik aber wenig spektakulär zu. Bis am 14. April 2010 ein 1.667 Meter hoher Zungenbrecher zum Leben erwachte. Dessen Name klingt für die Deutschen heute so vertraut wie Watzmann oder Zugspitze: Eyjafjallajökull, das „Asche-Monster“.

Europa reagierte hysterisch: Pessimisten sahen im Ausbruch die Rache von Mutter Natur. Minister, Piloten und Manager stritten über Flugverbote. Das einzige, was in Nordeuropa noch flog, waren die Fetzen. Nur die Isländer blieben erstaunlich cool. „Für uns ist es ein süßer, ein schöner Ausbruch - ich war am Wochenende selbst mit meiner Familie dort“, schwärmt Islands Industrieminis-terin Katrin Juliusdottir. Der Eyjafjallajökull ist, was die Isländer einen „touristenfreundlichen“ Vulkan nennen. Solche Krater gibt es in der aktiven Zone Islands immer wieder. Besucher können aus sicherer Entfernung eine Naturgewalt beobachten, die ebenso faszinierend wie unheimlich ist: bleigraue Wolken, zuckende Blitze, hellroter Brei, der zischend in schneeweißen Gletschern verschwindet. Wenn so ein Krater brodelt, dann sprudeln erfahrungsgemäß auch die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft. So scheint es auch diesmal zu sein: Die Ticketnachfrage bei der staatlichen Fluglinie Icelandair hat seit April um zehn Prozent zugenommen.
Der Geophysiker Dr. Martin Hensch ist derzeit ein gefragter Mann. Dabei entspricht Hensch' Äußeres nicht unbedingt dem, was Politiker und Geschäftsleute von einem namhaften Wissenschaftler erwarten: dicke Piercings umklammern Nase, Lippen und Ohren, auf dem Sweatshirt steht „St. Pauli“. Trotzdem sitzt Hensch bei Pressekonferenzen neben Ministern und Top-Managern, er spricht auf n-tv, wird in namhaften Magazinen zitiert. Der Mann kennt offenbar weder Schmerz noch Angst: Keiner war in letzter Zeit so oft am Eyjafjallajökull wie er. Gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern sorgt Hensch dafür, dass die Vulkane in Island permanent überwacht werden. Sobald die Aktivität im Inneren der Feuerberge zunimmt, ist der Zivilschutz perfekt organisiert: „Die Informationswege zwischen Wissenschaft und Behörden sind hier extrem kurz und extrem effizient“, sagt Hensch. Für die Sicherheit von Anwohnern und Touristen existiert ein hochprofessionelles Netzwerk. Am Anfang der Maßnahmenkette steht eine SMS, mit der die Polizei die Bewohner der Krisenzone alarmiert: „Ausbruch. Bitte evakuieren.“
Gudmundur Vidairsson (46) lebt in einem einsamen Gehöft, keine vier Kilometer vom Vulkankrater entfernt. Seine einzigen Nachbarn sind 40 Islandpferde und 300 Schafe. Ein Hauch von Bullerbü-Romantik umgibt sein Anwesen: bunte Häuser, klare Luft, duftende Wiesen. Während der Sommermonate vermietet Vidairsson dieses Idyll, die meisten seiner Gäste kommen aus Deutschland und Skandinavien. Als die Evakuierungs-SMS bei Vidairsson eintraf, trieb er zunächst die Pferde in den Stall. Erst dann kletterten seine Frau, seine drei Kinder, sein Schwiegersohn und der Enkel in den Jeep. Auf bulligen Ballonreifen flüchteten sie durch die pechschwarze Nacht zur öffentlichen Hilfsstelle. Stunden später war klar: Keine Lava, keine Flutwelle, nur Asche - eine Menge Arbeit! Fünf Zentimeter hoch lag der zementartige Staub auf Berggipfeln, Wiesen und Dächern. Dreißig Wagenladungen Asche hat Vidairsson an den folgenden Tagen aufgeladen und weggeschafft. Auf den Wiesen hat der Regen die Säuberungsaktion erledigt. Nur in den Dachrinnen oder Gullis ist die Asche bis heute hart wie Beton.
Drei Wochen nach dem Ausbruch steigen noch immer dunkle Wolken hinter Vidairssons Hof auf. Die tiefstehende Sonne taucht die Berghänge in ein dramatisches Grün. Ab und zu dröhnt ein sonores Grollen ins Tal. Ob er nicht Angst um sein Leben hat? - „Ach wo!“, winkt Vidairsson mit trotzigem Wikingerblick ab. Schließlich sei es nicht der erste Ausbruch, den er mitmacht. Was den bärtigen Mann im borstigen Wollpulli schon eher umtreibt, ist die Angst, die seine Sommergäste haben könnten. Sollten sie ausbleiben in diesem Sommer, wäre das ein Schlag für Vidairssons Familie, aber auch für Islands Wirtschaft. Denn seit dem Zusammenbruch der Banken im Jahr 2008 setzt das Land zwischen Feuer und Eis maßgeblich auf Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft. Und tatsächlich nahmen die Besucherzahlen in den letzten Jahren zu, auch weil die Isländische Krone deutlich an Wert verloren hat. Für Briten, Amerikaner und Deutsche ist das Reisen am Polarkreis preiswert geworden.
Island steht im Ruf, ein riesiger Abenteuerspielplatz für Outdoor-freunde und Naturburschen zu sein. Und wem eine Reise zum Eyjafjallajökull trotz aller Sicherheitsvorkehrungen riskant erscheint, der findet in der schier grenzenlosen Wildnis eine Menge originelle Sehenswürdigkeiten. Im Westen der Insel etwa, in der Gegend des Örtchens Husafell. Aufgeregt flattern Vögel durch glasklare Luft, schnittige Forellen trotzen reißenden Bächen voll Gletscherwasser, am Horizont erheben sich symmetrisch-schwarze Tafelberge mit schneeweißen Kuppen. Mitten in diesem Gemälde wohnt Páll Gudmundsson, ein Mann, von dem die Isländer sagen: „Er lebt in einer Welt, die nicht die unsere ist“. Soll heißen: Er trinkt nicht, er raucht nicht, er interessiert sich nicht für Frauen.
Was Páll Gudmundsson stattdessen fasziniert, sind Steine. Unzählige große und kleine Brocken liegen um seine 200 Jahre alte Hofstelle verstreut, vielen hat er mit seinem Meißel ein Gesicht gegeben. Manchmal muss die Sonne im richtigen Winkel stehen, damit ein Felsen dieses gefühlvoll freigelegte Antlitz offenbart. Und es ist bei weitem nicht nur die Form oder das Gesicht der Steine, was den feinsinnigen Künstler umtreibt. Aus Liparitplatten hat er ein riesiges Xylophon geschaffen, eine „Steinharfe“, auf der er bisweilen Melodien von Bach spielt. Hell und warm fließen dann Töne aus seinem Musikschuppen hinaus, brechen sich an Felsen, verschwinden in Wiesen. Harmonisch verschmelzen Melodien ineinander, bis irgendwann der letzte Ton verklingt. Dann: Erhabene Stille. Ein Moment, nicht von dieser Welt. Wie Páll Gudmundsson. Die Vögel haben aufgehört zu singen, der Bach sein Rauschen unterdrückt. Wer weiß, vielleicht könnte Páll Gudmundssons Steinharfe sogar den grollenden Eyjafjallajökull besänftigen? Die Weltnachrichten würden darüber sicher berichten.
(von Christoph Obermeier)
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